“Attacco a Ratzinger” su Die Tagespost
5 settembre 2010 -
di Guido Horst
Rom (DT) Es ist ein Thema der „Insider“ – aber nicht nur: Medienleute im und rund um den Vatikan fragen sich, warum sich Papst Benedikt in der säkularen Öffentlichkeit der westlichen Welt mit seiner eigentlichen Botschaft kein Gehör verschaffen kann, sondern seit nunmehr vier Jahren eher für Negativ-Schlagzeilen sorgt. Zwei der rührigsten Vatikanberichterstatter italienischer Zeitungen, Andrea Tornielli (Il Giornale) und Paolo Rodari (Il Foglio), haben dazu jetzt ein Buch vorgelegt, dem der herausgebende Verlag Piemme den Titel „Attacco a Ratzinger“ – „Angriff auf Ratzinger“ – gegeben hat.
Doch die 320 Seiten umfassende Arbeit ist beileibe kein Nachweis eines medialen Komplotts oder einer Verschwörung dunkler Mächte gegen den deutschen Papst. Zunächst ist sie eine gründliche Recherche, die nochmals bis in die Einzelheiten die Krisenmomente im Pontifikat Joseph Ratzingers rekonstruiert – angefangen von der Regensburger Vorlesung, dem Rücktritt des gerade erst ernannten Erzbischofs von Warschau wegen der Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst in kommunistischer Zeit über das Motu proprio zur Wiederzulassung des alten Messritus und den Fall Williamson bis hin zur Empörung über die Äußerungen des Papstes zum Kondom auf dem Flug nach Afrika und dem Missbrauchsskandal der vergangenen Monate.
Experten sehen keine zentral gesteuerte Medienkampagne
Wie konnte es kommen, so fragen die Autoren, dass Benedikt XVI., der Ausdrücke wie „Liebe“, „Freude“, „Schönheit“ zu Schlüsselbegriffen seiner Verkündigung gemacht hat, der demütig, milde und fast schüchtern auftritt, sowie einer der gelehrtesten Geister der katholischen Welt ist, immer wieder als rückwärts gewandter Restaurator und letztlich als der unbeugsame „Panzerkardinal“ dargestellt wird, wie das die Medien schon mit dem Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger taten. Fall für Fall wird nochmals durchleuchtet. Zudem haben Tornielli und Rodari Beobachter, Kollegen und Gelehrte eingeladen, ihr Urteil zu den einzelnen Stationen einer sich seit Herbst 2006 hinziehenden Negativberichterstattung abzugeben. Insgesamt ergibt sich somit ein differenziertes Bild. Die beiden Autoren wie die zu Wort kommenden Experten lehnen es ab, von einer zentral gesteuerten Kampagne gegen den Papst zu sprechen. Aber es waren auch keine Zufälligkeiten, die zu den schwierigen Augenblicken im deutschen Pontifikat führten. Und nicht immer hatten diese direkt etwas mit der Person Benedikts XVI. zu tun.
So heißt es in einem bilanzierenden Kapitel gegen Ende des Buchs, dass seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts generell eine Erosion des Ansehens des Vatikans festzustellen sei. Waren Rom und der polnische Papst in der Hochphase des Kalten Kriegs ein moralischer Bezugspunkt für den freien Westen und ein Stachel in der Flanke der Sowjetunion, so habe der Vatikan nach dem Fall der Mauer diese Bedeutung verloren. Einflussreiche Kreise wie die Bilderberg-Gruppe, die eine gewisse Kontrollfunktion über die politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Eliten Europas und der Vereinigten Staaten ausübt, seien durchaus an einem friedlichen Nebeneinander der verschiedensten Religionen interessiert, nicht aber an einer Weltkirche mit einer zentralen Leitung, die zudem den Anspruch erhebt, wirtschaftliche und politische Vorgänge zu beurteilen. Die Stimmung in den säkularen Medien, vor allem in der angelsächsischen Welt, sei nicht die, Kirche und Vatikan zu erklären und objektiv darzustellen, sondern vor allem die Zentrale in Rom dazu zu zwingen, sich fortwährend verteidigen und rechtfertigen zu müssen. Die Berichterstattung über die Regensburger Vorlesung und die Missbrauchsskandale haben das beispielhaft vorexerziert.
Abgesehen von diesem zeitgeschichtlichen Rahmen weisen Tornielli und Rodari aber auch darauf hin, dass gerade Benedikt XVI. von Anfang an in ein Klischee gepresst wurde. Kaum war er Papst, geisterte jenes Foto durch das Internet und die Medien, das den jungen Priester Joseph Ratzinger beim Erteilen des Primizsegens zeigt, wobei jedoch der linke Arm weggeschnitten wurde, so dass es aussah, als habe er den rechten zum Hitler-Gruß erhoben. Vorurteile gegen einen deutschen Papst mögen da genauso eine Rolle gespielt haben wie der gezielte Versuch, das Bild eines rechten, konservativen und reaktionären Manns auf dem Stuhl Petri zu zeichnen. Wenn Benedikt XVI. dann über den Umweltschutz und die Bewahrung der Natur sprach, einen versöhnlichen Ton gegenüber dem Regime in Peking und der Patriotischen Vereinigung in China anschlug oder wegen seiner jüngsten Enzyklika zu sozialen und wirtschaftlichen Fragen von rechts stehenden Politikern kritisiert wurde, dann passte das nicht ins Klischee und fand in der Berichterstattung keine Erwähnung.
Als ein weiteres Bündel von Gründen für die negative Berichterstattung über den deutschen Papst machen die Autoren innerkirchliche Widerstände aus. Das Buch beginnt mit dem Zitat eines damals hochgestellten, aber nicht namentlich genannten italienischen Kardinals im Vatikan, der kurz nach der Wahl Papst Benedikts zu seiner Umgebung sagte: „Nur zwei, drei Jahre… Das dauert nur zwei, drei Jahre“, und dabei mit den Händen eine Geste machte, als wolle er das Pontifikat Joseph Ratzingers minimalisieren. Die Wiederzulassung der Messe nach dem außerordentlichen Ritus, die Gespräche mit der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, vor allem aber die Interpretation der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils im Licht der Tradition der Kirche sind die wichtigsten Themen, anhand derer die Autoren die Widerstände durchspielen, die Papst Benedikt nicht nur an der kirchlichen Basis, sondern bis in die obersten Etagen des Vatikans hinein entgegenschlagen.
Damit sind die Autoren dann bei der dritten Ebene angelangt, wo sie die Ursache für manchen schweren Augenblick im Pontifikat Papst Benedikts sehen: der der engsten Mitarbeiter im Vatikan. Hier zeigen Tornielli und Rodari, warum sie zu den bestinformierten „vaticanisti“ im Umfeld der römischen Kurie gehören. So zitieren sie ausführlichst aus einem Protokoll des Staatssekretariats, das den Verlauf einer Sitzung wiedergibt, an der – in Abwesenheit des Papstes – alle mit der Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe befassten Kardinäle und Erzbischöfe des Vatikans teilnahmen – und zwar nach der Übergabe des entsprechenden Dekrets an den Oberen der Pius-Bruderschaft und vor der Veröffentlichung des Dekrets. Obwohl an dem Tag dieser Sitzung die unsäglichen Äußerungen eines der vier vom Kirchenbann befreiten Bischöfe über den Holocaust im Staatssekretariat bekannt waren, wurde dessen Interview mit einem schwedischen Fernsehsender in jener Sitzung mit keinem Wort erwähnt und es fiel der Beschluss, das Dekret ohne Pressekonferenz und weitergehende Erläuterungen zu veröffentlichen, weil es, so die Fehleinschätzung, sich selber erkläre. Eine Fehleinschätzung mit weitreichenden Folgen, für die einer dann schließlich die Verantwortung übernahm: Papst Benedikt selber, in seinem Brief an den Weltepiskopat vom März vergangenen Jahres, in dem er sich schützend vor seine engsten Mitarbeiter stellte.
Kampfansage an die Diktatur des Relativismus
Das Buch von Tornielli und Rodari ist wie ein Nachschlagewerk, in dem detailliert festgehalten ist, was man seit Herbst 2006 über das Kapitel „Pleiten, Pech und Pannen“ im Pontifikat des deutschen Papstes sagen kann. Wobei auch festgehalten wird, dass es dem Vatikan und Benedikt XVI. gelungen ist, die Verstimmung in der muslimischen Welt nach dem Mohammed-Zitat des Papstes in Regensburg weitestgehend zu lösen. Aber mit den Kommentaren der Experten und Kollegen von Tornielli und Rodari geht das Buch über eine bloße Datensammlung hinaus. So etwa – nur ein Beispiel von vielen – mit der Einschätzung des Vatikan-Korrespondenten der französischen Zeitung „Le Figaro“, Jean-Marie Guenois. Er sieht keinen „Angriff“ des „main- streams“ der westlichen Welt auf Benedikt XVI., sondern umgekehrt einen „Angriff“ Joseph Ratzingers auf die vorherrschende Kultur, als dieser in seiner programmatischen Predigt kurz vor dem Einzug ins Konklave der Diktatur des Relativismus den Kampf ansagte. Da hat Guenois Recht. Die Verkündigung des deutschen Papstes ist eine beständige Provokation des vorherrschenden Denkens im industrialisierten Westen. Wen wundert es da, dass Benedikt XVI. in dieser Weltregion eine schlechte (säkulare) Presse hat?
Pubblicato su Die Tagespost mercoledì 1 settembre 2010
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